Kennenlernen

Wir hatten es schwer miteinander,
all die vielen langen Jahre.
Sehr schwer.

Wir wussten beide nicht, warum.
Wollten doch nur geliebt werden,
voneinander.
Wünschten uns gegenseitiges
Verständnis und Akzeptanz.

Doch die Spannungen,
sie wollten einfach nicht
vergehen.


Du wünschtest Dir eine
andere Tochter.
Nicht so stark, nicht so selbstbewußt,
eine, die mehr Dir ähnelte.

Und ich wünschte mir
eine andere Mutter,
eine, die stolz ist auf mich,
die mir sagt, wie sehr sie
mich schätzt,
in deren Augen ich die
ganze Liebe sehen kann.

Und nun, da er
fortgegangen ist,
er, der immer zwischen uns
stand,
können wir uns völlig
neu begegnen.

Auf gleicher Augenhöhe,
von Frau zu Frau,
von Mensch zu Mensch,
außer Konkurrenz.

Ob Liebe im Spiel ist?
Vielleicht…
Aber dazu muss ich Dich
erst einmal
näher kennenlernen.

- © Dori Kellers -

17 Kommentare zu “Kennenlernen”

  1. Karin

    Liebe Dori

    Bewegende Zeilen……..Zeilen, die teilweise von mir sein könnten……ich hatte bei meiner Mutter auch oft das Gefühl, dass Sie sich eine weniger starke Tochter wünscht. Und doch…..Sie kann es nicht laut sagen, spüre ich inzwischen, dass es da ist…..das Gefühl von Stolz auf mich!

    Die Generation vor uns geht mit Gefühlen anders um…..vieles wird und wurde nicht gesagt, aber es ist oft zu spüren! Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen…..

    Wenn ich darf, umarme ich Dich!
    Karin

  2. Dori

    Liebe Karin,

    danke - sehr gerne nehme ich Deine Umarmung an.

    Ich hätte niemals geglaubt, dass meine Mutter und ich jemals irgendeinen Weg zueinander finden könnten. Jetzt, wo sie alleine ist, schaut sie voll Bewunderung auf mich und sagt: dass Du das alles geschafft hast und kannst. Alleine diese Äußerungen sind schon Gold für mich. Aber Du hast Recht: diese Generation hat es sehr schwer gehabt und hat es noch, was Gefühle betrifft.

    Schön, dass Du hier warst.
    Dori :-)

  3. Christa

    Liebe Dori,

    aus aktuellem Anlass berühren mich deine Zeilen sehr. Es sind hoffungsvolle Zeilen. Eines möchte ich dir aus eigener Erfahrung sagen: Wenn der Abschied denn mal kommt, hilft es ein bisschen, wenn man sagen kann: “Ich war mit ihr im Reinen.”

    Ich wünsche euch beiden gute gemeinsame Tage.

    Gruß aus Mannheim - Christa Schwemlein

  4. Anka

    Hallo Dori,
    ich wünsche Dir, das Du und Deine Mutter Euch richtig kennenlernt. Es ist wirklich ein Prozess, wenn man sich annähert, mir fällt es auch nicht leicht.
    Oft fühle ich mich immer noch unverstanden und ungeliebt. Aber sie können nicht aus ihrer Haut, sie haben eine sehr harte und meist lieblose Kindheit gehabt.

    Auch von mir eine herzliche Umarmung an Dich und eine schöne Woche

    Liebe Grüsse
    Anka :-)

  5. Hase

    Liebste Dori,
    danke Dir für diese ehrlichen offenen Worte. Mich überläuft es grade , es berührt mich auf eine Art, fast fange ich an zu weinen.
    Nach dem Tod meines Vaters und in ihrer Krankheit bin ich meiner Mama sehr sehr nahe gekommen. Wir haben uns nie so richtig verstehen können, aber jetzt, wo sie in einer anderen Welt ihre Ruhe gefunden hat, spüre ich eine tiefe Liebe.
    Auch in der Sterbebegleitung spürte ich ihr liebendes Herz und ihren starken Glauben, es waren bewegende Momente, die ich niemals vergessen werde.
    Schön, dass Du darüber geschrieben hast, Dori, danke Dir
    Meine Mutter hat mich immer geliebt, auf ihre ganz eigene Weise.
    liebevolle Grüße und nutze die Zeit, die EUCH noch bleibt, das wünsche ich Dir
    herzlichst
    Erika

  6. andrea2110

    Liebste Dori, das hast Du wundervoll geschrieben… Und ist es nicht schön, dass Ihr noch eine Chance habt, Euch anders zu begegnen als bisher? Allerliebste Herzensgrüsse Andrea

  7. Artur

    Hallo Dori,

    ich kann den Kommentatorinnen vor mir, nur zustimmen. Denke auch, dass es an der Generation liegt. Die hatten es einfach nur schwer. Dachte auch manchmal, ob meine Eltern mich liebten? Ja, sie taten es, auf ihre Weise.
    Ja, nutze die Zeit, die ihr noch habt.

    Liebe Grüße

    Artur

  8. Doris - Licht & Liebe Blog

    Liebe Dori,
    auch mich berühren deine Zeilen sehr, denn auch ich hatte bislang ein “zurück-haltendes” Gefühl zu meiner Mutter … ich nehme ihr dies nicht übel, denn sie hat es nicht besser erfahren und wie sollte sie dann etwas anderes an mich weitergeben können, als das was sie erfahren hat ?
    Meine Mutter und mein Vater leben beide noch und dafür bin ich sehr dankbar … in meinem Leben hat sich ab dem 30. Lebensjahr so einiges verändert … und ich nutze jede Chance, dass sich auch zwischen mir und meinen Eltern, die seit Angang des Jahres ständig im Krankenhaus liegen bzw. krank sind, etwas zu verändern … und es geschehen in der Tat Veränderungen.

    Zwischen meinem Vater und mir schon seit ich Anfang/Mitte Zwanzig war und zwischen meiner Mutter und mir, seit ich Anfang Vierzig war und jetzt bin ich schon 50 Jahre alt … und spüre immer mehr, dass noch mehr möglich ist … und ich nutze jeden Moment, den ich mit ihnen gemeinsam verbringen kann … um LIEBE zuzulassen … und um uns noch näher zu kommen …

    das wünsche ich DIR und deiner Mutter auch …
    von ganzem Herzen
    Doris

  9. Babsi

    liebste dori

    ich denke, gerade nach bestimmten wendepunkten begegnen wir uns immer wieder neu. manchmal entwickeln wir uns auseinander, um uns dann vielleicht wieder neu und auf abdere weise zu begegnen…
    dieses auseinanderleben das habe ich grade mit meiner mutter. nicht im bösen sondern einfach, dass jeder seine für ihn wichtigen wege geht. ich leide zum teil sehr darunter, ihre unterstützung zum teil mir von wo anders zu holen bzw von mir. aber ich weiß, das gibt mir die möglichkeit…dass wir uns wieder begegnen können..auf einer anderen ebene als bis nun.

    schöne zeilen hast du geschrieben. ich wünsche dir und deiner mutter viele schöne momente des findens und begegnens..so, wie es für euch passt

    liebste grüsse aus dem grauingrau wien von babsi

  10. Elisabeth

    Alles geschieht aus Liebe, liebste Dori!

    Ja, es ist Liebe im Spiel… sie hat ihr Leben dafür riskiert, dich zur Welt zu bringen, dir das Leben zu schenken - was für ein Geschenk…
    Es waren ganz andere Zeiten damals, sie wusste es nicht besser und hat das ihr Bestmögliche getan - das voll Demut und Dankbarkeit zu sehen, bringt euch auch näher…
    Ich wünsche euch ein wundervolles neues Begegnen!

    Von Herzen, Elisabeth

    P.S.: Es ist nicht leicht… ich sehe und spüre das auch soeben… wenn Generationen (bei mir ist noch ein bissl mehr Zeit dazwischen…) mit ganz anderen Ansichten und Einstellungen zusammentreffen…

  11. Dori

    @ alle:

    Schön, dass Ihr hier wart!

    Danke für Eure lieben Kommentare.
    Durch meine vielen Gespräche, die ich so tagtäglich führe, habe ich erkannt, dass meine Mutter und ich kein “Einzelfall” sind, eher das Gegenteil. Und wenn man sich das Leben der Frauen in dieser Generation - von der Erziehung, der Schulbildung und auch dem beruflichen Werdegang - einmal vor Augen führt, ist es eigentlich auch kein Wunder.

    Schön ist, dass zu jedem Zeitpunkt das Ruder herumgeworfen werden kann, so bald einer den ersten Schritt tut. Noch heute hat mir eine Bekannte erzählt, dass sie erst bei der häuslichen Pflege ihrer Mutter Frieden schließen konnte mit ihr.

    Von Herz zu Herz,
    Dori

  12. Christa

    “Und wenn man sich das Leben der Frauen in dieser Generation - von der Erziehung, der Schulbildung und auch dem beruflichen Werdegang - einmal vor Augen führt, ist es eigentlich auch kein Wunder. ”

    Liebe Dori,

    was du schreibst ist richtig. Nur müssen wir gut aufpassen, dass wir nicht anfangen unseren Müttern am Ende einen “Heiligenschein” zu verpassen und ein falsches Bild zeichnen. Dass wir Frieden schließen können haben wir letzendlich alleine uns selbst zu verdanken. Wir haben uns mit unserer Vergangenheit auseinandergesetz und ausgesöhnt. Wir wissen ganz genau, warum wir so sind wie wir sind. Vor diesem Hintergrund ist es denn auch einfacher Frieden zu schließen und den ersten Schritt zu tun. Dennoch dürfen wir sagen: “Sie war oder ist manchmal auch eine Hexe”. HERZ und VERSTAND bilden für mich, um gut weiter leben zu können, eine Einheit.

    Ich habe bewusst auf die TZI Regel “sprich von ich und nicht von wir” verzichtet, weil ich denke und es ja oben auch geschrieben wurde, vielen anderen auch so geht.

    Liebe Grüße
    Chista

  13. Dori

    Liebe Christa,

    ich akzeptiere nicht nur Deinen Blickwinkel, ich bejahe auch das, was Du schreibst.
    Nein, einen Heiligenschein verpasse ich meiner Mutter nun wahrlich nicht, habe auch viele Jahre meines Lebens gegrollt. Sie hätte vieles anders machen können, hat sie aber nicht. Sie wusste es nicht besser, vielleicht hat sie es nicht einmal gewollt, aber das steht für mich nicht mehr zur Debatte.
    Ich freue mich ganz einfach darüber, dass so etwas wie Frieden eingekehrt ist. Und mein Fokus liegt eindeutig nicht auf der Vergangenheit, sondern auf dem Hier und Jetzt. Und wenn ich mir überlege, dass ich ja schon in ihren Fußstapfen bin, so als beinahe Familienängste, dann überlege ich mir schon, was ich hätte besser machen können, bei meinen Kindern.
    Ich hab’s so gut gemacht, wie ich konnte. Und tu es immer noch. Und hoffe, dass sie es erkennen können.
    Viele liebe Sonnengrüße
    von Dori :-)

  14. Mamü

    Das sind Zeilen, liebe Dori, die mich sehr berühren.

    Als meine Mutter schon sehr krank war, relativ kurz vor ihrem Tod, der trotz Krankheit doch sehr plötzlich kam, da habe ich etwas begriffen, von dem ich mir wünschte, dass ich es früher begriffen hätte.
    Wie jedes Kind wünschte ich mir, dass meine Mutter mich bedingungslos liebt, dass sie stolz auf mich ist (was sie ganz sicher war, aber meist nur anderen erzählte), dass sie mir mehr zutraut, mir den Rücken stärkt, statt mich mit Zweifeln überhäuft. Und vorallem wünschte ich mir, dass sie mich so akzeptiert wie ich bin, so liebt wie ich bin. Nicht versucht, mich zu verändern. Obwohl meine Mutter und ich eine enge Bindung hatten, war nicht alles gut.

    Plötzlich ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Akzeptierte ICH meine Mutter so, wie SIE war?

    Nein, das tat ich nicht. Wie oft wünschte ich mir, dass sie anders wäre, so wie eine Mutter in MEINER Vorstellung zu sein hat.
    Und vergaß, dass sie auch nur ein ganz normaler Mensch mit eigenen Träumen und Wünschen ist, der in seinem Leben auch eine Menge Verletzungen davongetragen hat, dass sie eine eigene Persönlichkeit ist, und nicht nur meine Mutter, die so zu sein hat, wie ich es mir wünsche.

    Und ich stellte mir vor, wenn ich von nun an, als Erste meine Mutter so akzeptieren und respektieren würde, wie sie war, was mir ehrlich gesagt auch eine große Last abnahm, weil ich mich oft für sie und ihr Glück verantwortlich fühlte. Und wenn ich dabei trotzdem ich selbst wäre, mich nicht verbiegen würde, auch nicht für sie, für ihr Glück… Was, wenn ich lernte auszuhalten, dass ihr nicht alles gefiel, was ich machte. Schließlich gefiel mir auch nicht alles, was sie tat und ich liebte sie trotzdem.

    Mir gefiel dieser Gedanke. Leider konnte ich diesen Weg nicht wirklich ausprobieren, weil meine Mutter gestorben ist, zehn Tagen nachdem ich bereit war, sie loszulassen, sie sein zu lassen wie sie ist.

    Diese Gedanken waren eine riesige Erkenntnis für mich, die mich ein Stückchen wachsen ließ.

    Trotz aller Liebe zwischen uns, gab es natürlich auch Verletzungen, die sie mir als Kind - sicherlich nicht bewusst - zugefügt hatte.
    Als meine Mutter gestorben war, wollte ich trotzdem einfach nur in Liebe an sie denken können. Wenn ich mich an sie erinnerte, wollte ich nur Liebe empfinden, nichts anderes. Ich brauchte es für meine Seele.
    Doch dafür musste ich erst meine Wut auf sie zulassen, was mir sehr schwer gefallen ist, eine Wut, die ich immer versucht habe zu unterdrücken. Erst, als ich mir selbst gestattet habe, diese Gefühle zuzulassen und auch laut auszusprechen, den Worten Raum zu geben, dass es falsch war, was sie getan hat, dass sie mich tief damit verletzt hat, dass sie damit Schaden in mir angerichtet hat, erst dann konnte ich ihr verzeihen.

    Ich weiß nicht, ob ich jetzt irgendwie zu ausschweifend geworden bin, aber all das haben deine Zeilen in mir berührt.

    Ich wünsche dir von Herzen, dass du und deine Mutter einen Weg finden ins Reine zu kommen, aber ein Anfang scheint ja gemacht.

    Alles Liebe für dich,
    Martina

  15. Dori

    Liebe Martina,

    das ist ein wunderschöner und sehr ehrlicher und offener Kommentar, für den ich Dir sehr danke. Bis auf wenige kleine Abweichungen könnte das von mir geschrieben sein. Ich wollte immer eine andere Mutter haben als diese. Wollte so eine toughe, tolle, supermoderne und für damalige Zeiten schon sehr weltoffene Mutter wie die meiner besten Freundin. (Dasselbe ist mir übrigens mit meiner eigenen Tochter widerfahren, als sie in der Pubertät war - lächel. Sie wollte KEINE toughe, moderne, weltoffene und chice Mutter haben, sondern eine ganz einfache, so wie die Mutter ihrer besten Freundin, eine Bauersfrau. Dort fühlte sie sich wohl, wurde betüddelt, man schmierte ihr ein Marmeladenbrot und sie war glücklich.)

    Heutzutage wird viel von Vergebung gesprochen. Manche Verletzungen liegen so tief, dass man nicht einmal von ihnen weiß, nur wenn eine Situation oder ein anderer Mensch plötzlich den gewissen Knopf drücken.

    Seit ich das Gedicht geschrieben habe, habe ich so viele Mails von Frauen bekommen, die mit ihrer Mutter ebenfalls “ein Thema” haben, ja sogar Kolleginnen berichten mir, dass sie sich jetzt im Alter mit ihrer Mutter aussöhnen können oder konnten.

    Ich wünsche mir inzwischen lediglich Akzeptanz, und genau die bin ich auch bereit, zu geben, und noch mehr.

    Schön, dass Du hier warst.
    Viele liebe Sonnengrüße
    von Dori

  16. Christa

    Ach Dori,

    jetzt musste ich bei aller Ernsthaftigkeit doch herzhaft lachen. Und zwar als ich deinen ersten Absatz las. Vielen mir doch gleich mehrere Sprüche ein ;-)

    - Das gelobte Land liegt immer auf der anderen Seite der Wüste.

    - auf der anderen Seite des Ufers ist das Gras um einiges grüner oder so ähnlich.

    Und wie war das mit den Kirschen?

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünscht dir Christa aus Mannheim

  17. Dori

    Liebe Christa :-D

    so ist es ja ganz oft, nicht wahr?

    Lachende Wochenendgrüße
    nach Mannheim

    von Dori

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