Auf Krücken!

Es wird von einem mächtigen König berichtet, der vor sehr langer Zeit sein großes Königreich mit den beiden Tugenden Weisheit und Gerechtigkeit regierte. Das Volk lebte in Freiheit und in Frieden. Man war seinem Herrscher dafür dankbar und verehrte ihn überall im Land.

Der König hatte eine gefährliche Leidenschaft. Jedes Jahr veranstaltete er ein halsbrecherisches Wettreiten. Dabei galt es, viele schwierige Hindernisse zu überwinden. Meistens klassifizierte sich der König selbst als der wildeste und zugleich geschickteste Reiter in diesem Wettkampf.

Dann aber geschah das, was viele immer wieder befürchtet hatten. Der König stürzte so unglücklich vom Pferd, dass er sich beide Beine brach. Die Brüchen waren äußerst gefährlich und kompliziert. Auch die besten Ärzte des Reiches schafften es nicht, dem Heilungsverlauf eine günstige Richtung zu geben. Die Beine blieben steif, und die ursprüngliche Wendigkeit und Sportlichkeit des Königs reduzierte sich schließlich auf ein eingeschränktes Leben mit Krücken.

Im Laufe der Zeit begannen sich die Tatkraft, Zuversicht und Lebensfreude des Herrschers in Bitterkeit über diese Ungerechtigkeit des Lebens zu verwandeln. Auch seine Staatsgeschäfte vernachlässigte er immer mehr. Um dem König zu helfen und aus Solidarität zu ihm, einigten sich seine Minister darauf, dass Krückengehen in Zukunft im ganzen Land als wesentliche Hilfe beim Gehen für jedermann anzustreben sei.

Den König als verehrungswürdiges Beispiel vor Augen gewöhnten sich die Bürger in den nächsten Jahren daran, auch an Krücken zu gehen. Ja, das Krückengehen wurde schließlich so normal, dass es dem Volk eine neue Identität und Lebenseinstellung gab. Ein Leben ohne Krücken war schließlich kaum noch vorstellbar. Als der König schon lange gestorben war, blieb die Krückenmentalität des Volkes dennoch erhalten.

Und welche Krückenvorlieben hast Du?

Läufst Du noch an zwei Krücken? Oder hast Du es schon geschafft, eine beiseite zu legen?

Oder bist Du gar in der beneidenswerten Lage und kannst schon völlig frei laufen?

Gefunden bei Ekkehard Zellmer

Ein Kommentar zu “Auf Krücken!”

  1. Jürgen

    Liebste Dori,

    Du sagst es: Im Laufe vieler Generationen haben wir uns eine Vielzahl von „Krücken“ geschaffen. Anstatt frei zu gehen, wie es uns bestimmt ist, brauchen wir für ein „gutes“ Leben einen festen Wohnsitz, eine gutbezahlte Arbeit, der Mode entsprechende Kleidung, mindestens ein Auto, einen Fernseher, eine Stereoanlage, einen Computer, ein dies und ein das.

    Und unsere inneren “Krücken” sind dabei noch nicht einmal erwähnt.

    Alles Liebe,
    Jürgen

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