Das Seil und die Kette

Der liebe Jürgen hat mir folgenden Text geschickt, den ich jetzt unbedingt veröffentlichen möchte :-)

Zwei kleine Kinder, die gerne alles Neue erforschten, verirrten sich im Wald und stießen plötzlich auf einen geheimen Pfad, ganz grün und wunderbar, und da stand vor ihnen ein Schild mit der Aufschrift: GLÜCK. Sogleich begannen sie, diesen Pfad zu erkunden, und nach einem längeren Stück Wegs kamen sie zu einem kleinen Haus. Es wurde schon recht dunkel und sie fürchteten sich ein wenig. So klopften sie ganz leise an!

Ein alter Mann öffnete die Tür, und sie wollten schon fortlaufen. Er schaute aber so nett drein, dass sie dablieben. Er bat sie, hereinzukommen und teilte seine Suppe mit ihnen. Da fühlten sie sich gleich viel besser. Und als sie anfingen, sich umzuschauen, sahen sie etwas sehr Sonderbares. Von der Decke hing eine schwere Kette und daneben ein dickes Seil, und ringsum standen kleine Hocker. „Wie seltsam, wie höchst seltsam“ dachten sie. Sie schauten hinauf, sie schauten hinunter, sie schauten ringsumher, aber sie wurden nicht schlau aus der Sache. So fragten sie einfach: „Verzeihen Sie, lieber Herr, aber was machen Sie da?“

„Ich helfe den Leuten, ihr Glück zu finden!“

„Oh, bitte zeigen Sie uns, wie das geht, denn eben das suchen wir auch“, sagten sie ganz zappelig vor Aufregung. „Sehr gerne“, sagte der Alte. „Das kann jeder lernen, er muss es nur wirklich wollen. Setzt euch mal ruhig hin und schaut euch das Seil und die Kette aufmerksam an, vielleicht werden sie euch etwas sagen.“ Sie setzten sich also und schauten … und schauten … aber nichts geschah. Nichts! „Siehst du etwas?“ fragte eines. „Nein, nichts, gar nichts!“ sagte das andere.

„Nun schaut es euch ein wenig näher an“, sagte der Alte. Das taten sie dann, und auf einmal bemerkten sie, dass auf jedem Glied der Kette und auf jedem Strang des Seils ein Wort stand, das etwas wichtiges besagte, wie „Freunde“, „Geld“, „Sonnenschein“, „Kinder“, „Lesen“, „Musik“, „Liebe“ und „Gesundheit“.
„Wir verstehen immer noch nicht!“

„Ich werde es euch erklären“, sagte er freundlich. „Die meisten Erwachsenen machen einen entscheidenden Fehler. Sie bilden in ihrem Geist eine Art Kette aus all den Dingen, die ihnen wichtig zu ihrem Glück erscheinen. Und wenn ein Glied bricht – und das geschieht recht oft –, geht ihre ganze Kette in Stücke und all ihr Glück ist dahin! Und allein wegen eines Gliedes haben all die anderen Glieder ihren Wert verloren. Dabei sind sie, jedes für sich, immer noch bestens!“

„Das ist wahr“, sagten die Kinder, „genauso machen sie es.“

„Ja. Und dann braucht nur das geringste schiefzugehen, wie dass jemand seinen Hausschlüssel verliert, und gleich könnte man meinen, die ganze Welt bräche zusammen!“ Da lachten sie alle!
„Aber was sollten die Leute dagegen tun?“ fragten sie.
„Sie müssen lernen, Seile des Glücks zu knüpfen, so dass, wenn ein Strang reißt, das Seil zwar ein wenig schwächer wird, aber nicht gleich alles in Stücke geht.“
„Das Ganze ist dann ja auch viel leichter zu reparieren!“ sagte eines der Kinder.
„Ganz richtig!“ sagte der Alte.

„Aber warum machen die Leute ihr ganzes Leben lang immer denselben Fehler?“
„Weil sie sich nie die Zeit nehmen, darüber nachzudenken“, antwortete der Alte. „Wenn sich die Bilder von der Kette und dem Seil aber erst einmal fest eingeprägt haben, sind sie nie mehr wieder dieselben.“
„Es ist schön bei Ihnen!“ sagten die Kinder, und der alte Mann lächelte. Er gab ihnen eine Decke, und sie rollten sich auf einem kleinen Teppich am Feuer zusammen und schliefen bis zum Morgen.
Als sie sich am nächsten Tag zum Aufbruch bereitmachten, fragten sie den alten Mann: „Endet der Weg zum Glück hier?“

„O nein, ihr seid kaum erst am Anfang. Ich habe an diesem Weg viele Freunde, ihr müsst sie alle kennenlernen, und wenn ihr dann am Ende des Pfades angelangt seid, werdet ihr mehr über das Glück wissen, vergesst aber eines nie …

… Etwas zu wissen, ist eine Sache. Aber danach zu leben, wieder etwas ganz anderes!“

Aus “Der Weg ins Glück” von Bernard Benson

10 Kommentare zu “Das Seil und die Kette”

  1. Babsi

    liebste dori

    danke fürs posten und an jürgen fürs schicken :)))
    wie oft machen die menschen ihr glück davon abhängig, ob sie viel geld haben,einen für sie perfekten partner,luxus. diese ketten fesseln uns in unserer freiheit.
    glück ist für mich überall dort zu finden, wo ich bereit bin, die freude zu sehen.
    ich wünsche dir ein schönes wpchenende voller glücksmomente :))
    alles liebe von babsi

  2. Jürgen

    Liebe Dori,

    ich freue mich sehr, dass Dir die Geschichte so gut gefällt. Wie ich Dir erzählt habe, hat mich das Buch damals so berührt, dass ich es komplett abgetippt habe (es war vergriffen, und ich hatte es aus der Bibliothek geliehen).

    Später kam es dann noch einmal als Taschenbuch heraus. Da habe ich mir gleich einen ganzen Schwung gekauft und es jedem Menschen geschenkt, der mir am Herzen lag. Mit Widmung natürlich.

    Nachdem auch diese Neuauflage längst wieder ausverkauft ist (ob ich da übertrieben habe?), kannst Du es nur noch gebraucht beziehen. Einen entsprechenden Link zu Amazon habe ich Dir gerade gemailt. Vielleicht hast Du aber auch Glück bei Ebay.

    Alles Liebe,
    Jürgen

    ETWAS ZU WISSEN, IST EINE SACHE. ABER DANACH ZU LEBEN, WIEDER ETWAS GANZ ANDERES! - Das ist mein tägliches Mantra :-)

  3. Barbara

    Liebe Dori,

    sehr sinnig. Ich werde versuchen, mir das Bild einzuprägen und an meinem Glücksstrang zu basteln. Wer hätte gedacht, dass “sich selbst einen Strick drehen” etwas SO Positives sein kann…? ;-)

    Auch der letzte Liebesspruch ist sehr wahr.

    So sitze ich denn nach soooo vielen Wochen endlich wieder neben meinem Schatz, wir schauen uns einen wundervoll tiefsinnigen Film an und halten uns dabei an der Hand. Das feste, Liebe-volle Halten meiner Hand in seinen festen Männerhänden, das spürbare “Gehaltenwerden”, mich an ihn “anlehnen” zu können - das allein ist schon ein feiner, aber fester Strang im Strick.

    Ein schönes Wochenende dir und euch
    Barbara

  4. Barbara

    Oh, was lese ich da gerade, passend zu meinem letzten Kommentar…
    er ist ja so weise, der Khalil:

    Wenn die Hand eines Mannes
    die Hand einer Frau streift,
    berühren sich beide bis in alle Ewigkeit.
    (Khalil Gibran)

    LG
    Barbara

  5. andrea2007

    Liebste Dori, was für eine wunderbare Geschichte. Wie schnell lassen wir den Kopf hängen, wenn EIN Aspekt unseres Leben mal schief läuft…dann ziehen wir alles andere auch mit runter…Sich das als Seil vorzustellen, statt als Kette ist eine ganz ganz schöne Idee und hilft bestimmt das nächste Mal, das negative mit dem Positiven zu verbinden… Allerliebste Grüsse Andrea

  6. Claudia

    Hallo Dori,

    durch “Zufall” bin ich auf Deinem Blog gelandet, ich habe das Bild mit den Engeln bei einer Google Suche gesehen und es hat mich angezogen… Nun sitzte ich sein fast einer Stunde vor dem PC und lese, obwohl ich eigentlich arbeiten sollte.
    Ich habe noch nie Komentare in einem Bolg geschrieben.
    Wie kann man hier in Kontakt zueinander kommen?
    Denn ich würde sehr gerne mehr über die Menschen erfahren, die hier schreiben und sehr gerne auch meine Gedanken mit Ihnen teilen, denn ich spühre sehr deutlich, dass es GUT ist.
    Namaste
    Claudia

  7. Norbert Glaab

    Ja, Dori, würden die Menschen diesen Text wirklich BEGREIFEN wäre as meiste gesagt.
    Doch was wird auch hier geschehen:
    Tolle Geschichte.
    Stimmt genau.
    So treffend.
    Das war’s dann.

    Die kette bricht immer an der schwächsten Stelle und zeigt uns wie ein Spiegel, wo wir an unserem Leben reparieren dürfen. Doch wer versteht die Botschaft?
    Wer sagt: „ach toll, das das geschehen ist, das war mal wieder zu meinem Besten“.
    Vielleicht sollten wir die gebrochenen Glieder der Kette nicht reparieren, sondern die die starken andern miteinander verbinden.
    Ist zwar ein weinig arbeitsreicher, dafür aber auf Dauer sicherer.
    Aber nein, es wir immer wieder an der porösen Stelle herumgebastelt.
    Im Leben nenne ich dies „Symptom-Bastelei“.

    Jürgen hat da wohl eine wahre Schatzkammer von guten Weisheiten,
    von der ich auch immer wieder profitiere.

    Jeder Mensch kann nur geben was er hat. Da muss er genau hinschauen was er hat.
    Hat er viele Ängste, wird er auch diese weitergeben. Hat er viel Schmerz, oder Schuld von Scham ganz zu schweigen, dann wird er auch diese weitergeben.

    Ich wünsche Dir und all Deinen Lesern eine stabile Kette

    Beste Grüsse

    Norbert
    Wieder zurück im Leben!!

  8. Warum machen Leute immer denselben Fehler? | schwungwerk.de

    [...] Gefunden in einer Geschichte auf dem Chakrablog von Dori Kellers. [...]

  9. Dori

    @ ALLE:
    Jürgen versorgt mich derzeit mit DEN Texten, die MIR gut tun. Und somit allen anderen, die HIER lesen, auch. Danke lieber Jürgen.

    @ Claudia:
    Ich freue mich über Deinen Besuch auf meiner Seite. Hier kann/darf/soll
    jeder mit anderen in Kontakt treten, darüber freue ich mich ganz besonders.

    Viele liebe Sonnengrüße
    Dori :-)

  10. 07. Dezember 2009 – 7. Kalendertürchen

    [...] habe ich eine Geschichte für euch, die ich bei DORI im Blog gefunden habe. Ich find die sehr schön und habe sie mir daher für diesen Kalender [...]

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