Geben und Nehmen

Komm, sage ich zu ihr. Ich helfe Dir.

Erschrocken, mit großen Augen schaut sie mich an und entgegnet:
Nein! Auf gar keinen Fall. Das könnte ich Dir doch nie wieder gut machen.
Sie, ein stets hilfsbereiter Mensch, liebend bis zur Selbstaufgabe, kann keine Hilfe an-NEHMEN.
Sie hat es nie gelernt.

Von klein auf war sie für alles verantwortlich. Für ihre jüngeren Geschwister. Einen Vater gab es nicht, und es wurde auch nie über ihn geredet. Dieses Thema war irgendwie tabu.
Ihre Mutter rackerte sich den lieben langen Tag ab, um die drei Kinder ohne Vater irgendwie durchzubringen. Sie als Älteste musste sich um alles kümmern, sie musste einkaufen gehen nach der Schule, den jüngeren Kindern das Essen machen, Hausaufgaben kontrollieren, und wenn die Mutter abends todmüde nach Hause kam, tat sie alles, um sie zu entlasten und es ihr so schön wie möglich zu machen.

So ist sie aufgewachsen. Müde ist sie heute. Hat keine Kraft mehr, zu kämpfen, keine Energie mehr. War ihr Leben lang für andere da, für ihren Mann, für ihre Kinder, und niemand, wirklich niemand dankt es ihr. Sie hat nie selbst Ansprüche gestellt, nie etwas Schönes für sich getan, immer nur geschaut, dass es ihren Kindern an nichts fehlte, alles in sie “hineingesteckt”. Nun sind sie weit fortgezogen, und wenn sie Glück hat, dann melden sie sich einmal im Monat. Ihr Mann hat sich schon vor ganz langer Zeit von ihr getrennt, vor lauter Arbeit und sich kümmern hatte sie vergessen, dass da ja noch die Ehe war.

Nun ist sie alleine. Mit Tränen in den Augen erzählt sie mir das. Am Arbeitsplatz wird sie gemobbt, sie ist nun in einem Alter, wo Arbeitgeber gerne sehen, dass diese Mitarbeiter(innen) das Unternehmen verlassen. Jüngere und dynamischere Angestellte müssen her.

Ich biete ihr meine Hilfe an. Ich kann das aber nicht bezahlen, sagt sie. Ich sage, das macht nichts, ich schenke Dir eine Behandlung bei mir. Auf keinen Fall möchte sie das annehmen, sie fühle sich dann verpflichtet, sagt sie.

Ich entgegne, ich habe schon so oft in meinem Leben Hilfe angenommen, ohne etwas zurückgeben zu können, vielleicht bin ich jetzt einfach mal dran. Nein, nein, sagt sie, kommt ja gar nicht in Frage. Ich gebe ihr mein Visitenkärtchen und sage: Du kannst es Dir ja überlegen. Ich bin jederzeit für Dich da, wenn Du es möchtest.

Wie ist das mit Dir?
Hast Du auch Probleme damit, die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen, etwas anzunehmen?
Möchtest Du vielleicht lieber stark sein, unabhängig, autark, autonom?
Bist Du nicht gerne auf andere Menschen angewiesen?
Machst gerne alles alleine, bist lieber der Macher?
Oder hast Du gar ein Helfersyndrom?

Ich sage Dir eins: als ich in die Situtation kam und alleine nicht mehr weiterkonnte, ist es mir auch schwer gefallen. Aber ich habe es gelernt: HILFE anzunehmen, sie als Geschenk zu sehen. Ohne gleich darüber nachzugrübeln, wie ich das wieder GUT MACHEN könnte.
Es war für mich ein Lernprozess, und zwar ein schmerzhafter. Denn ich als Mutter musste die HILFE meiner Kinder annehmen. Und das war etwas, wo ich ja gar nicht mit leben konnte. Ich - als Macherin, als Macha, als Familienoberhaupt. Das Leben hatte mich ausgeknockt, ich lag am Boden, und als mir die Hände gereicht wurden, habe ich sie genommen.

Geben und Nehmen - beides muss im Fluss sein. Das ist eins der universellen Gesetze.

Namaste, Dori :-)

11 Kommentare zu “Geben und Nehmen”

  1. Christa

    Liebe Dori,

    ein wunderschöner Beitrag, in dem ich mich ein Stück weit wieder finde. Krankheiten zwingen einem manchmal in die Knie. Erst als ich mir aus eigener Kraft nicht mehr helfen konnte, war ich bereit - oder musste ? - Hilfe annehmen. Beim ersten Mal tat’s noch weh, beim zweiten Mal nicht mehr so sehr.

    Liebe Grüße aus Mannheim - Christa

  2. Dori

    Liebe Christa,

    …beim zweiten Mal nicht mehr so sehr…
    Schön, dass Du gelernt hast, Hilfe anzunehmen. So, wie ich Dich einschätze, gibst Du sehr gerne und sehr viel ;-)

    Liebe Grüße nach Mannheim,

    Dori

  3. Lilie

    Liebe Dori,
    dein Beitrag hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Ich bin es ebenso gewohnt, alles selbst zu managen. Oft spielt dabei die Angst vor dem Kontrollverlust eine Rolle. Ich habe einfach das Gefühl, dass, wenn ich die Kontrolle verliere, die unerträgliche Hilflosigkeit noch stärker wird. In kleinen Schritten musste ich lernen, Hilfe anzunehmen. Und ich lerne immer noch …
    Allerliebste Grüße
    Iris

  4. Manuela

    Liebe Dori,

    sprichst du da vielleicht von mir? :-)
    Ich gebe sooo gerne - das habe ich von meiner Mutter geerbt *lach*** und …. ich habe beim Nehmen ein schlechtes Gewissen, es fällt mir schwer, sehr schwer aber ich glaube, ich fange an dazuzulernen. Das habe ich nämlich auch geerbt.
    Danke für deine Gedanken,

    lieben Gruß zu dir,
    Manu

  5. Dori

    Liebste Iris,
    nur zu gut kenne ich das Gefühl. Die Angst, die KONTROLLE zu verlieren, ist eine schlimme ANGST.
    Ich habe -dem Himmel sei DANK - immer Menschen gehabt, die mich gestützt haben. ANZUNEHMEN war für mich ein schlimmer Lernprozess.
    Aber: ganz tief am Boden, wenn nichts mehr GEHT, dann nimmst Du sie. Die Hilfe. Denn es geht ja weiter, irgendwie.
    Ich bin soo dankbar, dass ich jetzt NEHMEN kann.
    Allerliebste Sonnengrüße
    Dori :-)

  6. Dori

    Liebe Manu,
    ich GEBE Dir jetzt einmal was:
    Dein Blog ist für mich der KNALLER. Ich mache Dir jetzt ein KOMPLIMENT!
    Soo viel Licht und Liebe und Kreativität, die da rüber kommt, ist ein GESCHENK für mich!
    Schön, dass es DICH gibt.
    Dori :-)

  7. Manuela

    Liebe Dori,

    ich sage jetzt einfach DANKE und nehme es an.
    Sonnengrüße schickt dir zu später Nachtstunde
    Manu

  8. andrea2007

    Liebste Dori, ich bin weder so selbstlos wie diese von Dir beschriebene Dame noch kann ich gut Hilfe annehmen:-) Im Ernst, zu den aufopfernden gehöre ich nicht, da kenn ich meine Grenzen, wenn ich auch gern helfe, ich hab da so “meine Art”, das zu tun, damit es für mich selber auch passt. Manchmal übertreib ich da auch, das merk ich mittlerweile aber immer schneller und dann überprüf ich das und korrigiere es wenn nötig. Ich kann nämlich ein bisschen eklig werden, wenn ich mich dann zu kurz gekommen fühle, auch wenn ich es im Grunde selber verursacht habe…:-) Ich weiss, Du wirst verstehen, wie ich das meine…

    Hilfe annehmen- mmh, wenn “man” so früh zur Selbständigkeit erzogen wurde, wie ich, dann prägt das sehr. Ich kann gern Hilfe von einem Mann annehmen, wenn es darum geht, was schweres zu tragen oder solche Dinge. Das konnte ich auch nicht immer, das geht heute wunderbar:-)

    Bei anderen Dingen, da kämpf ich manchmal schon mit meiner mir so wichtigen Unabhängigkeit. Ich musste sehr viel allein schaffen und bin auch stolz drauf. Der Gegenpol davon ist, dass ich auch Dinge allein mache, die ich gar nicht allein machen müsste…Ich arbeite dran und mir sind seitdem - oh Wunder- Menschen begegnet, die mir zeigen, wie das geht und es mir leicht machen, anzunehmen… Allerliebste Herzensgrüsse Andrea

  9. Dori

    Meine allerliebste Andrea,

    wem sagst Du das?
    Weißt Du eigentlich, WIE schwer mir das fällt, mich fallenzulassen und jemand anderen mal machen zu lassen? Ich habe das doch gar nicht gelernt.
    Ich hatte immer die tiefe Sehnsucht nach einem Menschen, nach einer starken Schulter, an die ich mich anlehnen konnte.
    Jetzt habe ich sie und muss erst LERNEN, mich anzulehnen.
    Puh, was ist das schwer.
    Aber es klappt von Tag zu Tag
    besser und besser und besser (Rückfälle sind aber nicht auszuschließen).

    Allerliebste Herzensgrüße
    Dori :-)

  10. Erika

    Liebste Dori,

    Paulo Coelho´s Worte passen da auch sehr gut:

    Wir müssen die Gesten der Liebe unseres Nächsten annehmen. Wir müssen
    zulassen, dass uns jemand hilft, uns unterstützt, uns Kraft zum Weitermachen
    gibt.
    Wenn wir diese Liebe reinen Herzens und demütig annehmen, werden wir
    begreifen, dass Liebe nicht Geben oder Nehmen, sondern Teilnahme bedeutet

    wir hatten bei Elisabeth auch schon mal darüber geschrieben.
    Ja, auch ich war schon auf Hilfe anderer angewiesen, dafür bin ich dankbar, auch wenn es schwer fiel.

    liebe Grüße von Erika

  11. Ramin

    Hi Dori,

    geben und nehmen, ich denke der Kreislauf ist einfach nur größer als zwischen zwei Personen. Manche Menschen sind in der Lage uns mit kleinem Aufwand eine große Hilfe zu leisten. Wir können das, was die für uns getan haben vielleicht nie zurückgeben.
    Aber wir können es weitergeben an andere.

    Dir haben bestimmt auch Leute dabei geholfen Deine Fähigkeiten auszubauen - hättest Du diese Hilfe nicht angenommen, wärst Du jetzt nicht imstande damit anderen zu helfen.

    Viele Grüße,
    Ramin

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