Zivilcourage in Deutschland!?
Ich werde diesen Tag niemals in meinem Leben vergessen. Es war der 21. Dezember 1992. 3 Tage vor Heiligabend.
Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet, es war der letzte Arbeitstag für mich vor dem Weihnachtsurlaub. Abends nach der Arbeit hatte ich noch einen Termin bei meinem Rechtsanwalt. Mein Exmann war schon ausgezogen, aber wir wollten noch Weihnachten miteinander verbringen, unserer Kinder zuliebe, die damals 11 und 14 waren.
Ich hetzte also mit Einkaufstüten bepackt durch die Kleinstadt, es regnete in Strömen und war stockfinster, ich hatte es schrecklich eilig, musste ich doch noch das Abendessen für meine Kinder zubereiten.
Beim Überqueren der Straße passierte es dann. Ich schlug mit dem Fuß um. Ein unglaublicher Schmerz durchfuhr meinen Fuß und dann meinen ganzen Körper, der mich beinahe ohnmächtig werden ließ. Ich fiel hin und war nicht mehr in der Lage aufzustehen, da ich mich auch nirgendwo abstützen konnte.
Und dann passierte etwas unendlich Demütigendes. Ich rief die vorbeieilenden Passanten um Hilfe an. Ein Ehepaar mit 2 Kindern ging vorbei, und der Junge rief: “Guck mal die Frau. Die ist betrunken!” Und sie gingen weiter. Ein älteres Ehepaar kam vorbei. Die helfen mir bestimmt, dachte ich. Da sagte die Frau zu ihrem Mann: “Wie kann man nur so tief sinken und um diese Uhrzeit schon so betrunken sein”. “Das weißt Du doch gar nicht”, sagte der Mann zu seiner Frau. Aber er ging weiter, sicher wollte er keinen Ärger haben. Ich war völlig verzweifelt. Im übrigen gab es damals noch kein Handy, ich konnte also niemanden anrufen.
Da hielt ein kleines Auto neben mir. Eine junge Frau saß am Steuer, ein Kind hinten im Kindersitz. Sie sprang aus dem Auto, eilte auf mich zu und fragte: “Was ist passiert? Ich bringe sie ins Krankenhaus”. Sie half mir auf und ich hüpfte auf einem Fuß zu ihrem Auto, ließ mich auf den Beifahrersitz plumpsen und sie fuhr mich sofort ins Krankenhaus. Dort wurde ich dann im Rollstuhl in die Ambulanz gefahren, und die Untersuchungen ergaben einen doppelten Bänderriß.
Ich hatte vor lauter Schmerzen und Aufregung (meine Kinder warteten und wußten nicht wo ich bin) vergessen, mir ihre Telefonnummer geben zu lassen, um mich später bei ihr bedanken zu können. Alle Menschen sind an mir vorbeigelaufen, niemand streckte die Hand aus, um mir (aufzu)helfen.
Vor ein paar Tagen geschehen:
14. September 2009 Als die S 7 am Samstagnachmittag aus der Münchner Innenstadt in Richtung Wolfratshausen rauschte, mussten im Zug viele Fahrgäste ein mulmiges Bauchgefühl gehabt haben. Aggressiv und laut provozierten zwei 17 und 18 Jahre alte Jugendliche vier verängstigte jüngere Teenager. Die Bedrohungen waren so laut, dass im Zug kein Erwachsener gedanklich in seine Zeitungslektüre flüchten konnte, sondern sich höchstens hinter der Zeitung verstecken; so laut, dass kein Blick aus dem Fenster auf die grau vorbeirauschende Stadt von der räuberischen Erpressung, die sich nebenan anbahnte, ablenken konnte.Ihr Gewissen wird den Pendlern gesagt haben: „Helft!“, ihre Angst: „Schön raushalten!“, ihre Vernunft: „Ruft doch wenigstens die Polizei“. Ein 50 Jahre alter Münchner hörte nicht nur auf die Vernunft, sondern auch auf sein Gewissen. Er rief aus dem Zug die Polizei und versuchte den 13 bis 15 Jahre alten Opfern, zwei Jungen und zwei Mädchen, schlichtend zu helfen. Fünf Minuten später traten ihn die Provokateure dafür zu Tode….
am 17. September 2009 um 14:23 Uhr.
ICH HABE JEDESMAL TRÄNEN IN DEN AUGEN; WENN DIE MELDUNG IMMER UND IMMER WIEDER DURCH DIE NACHRICHTEN LÄUFT: DIESER ARME MANN - EIN GANZ NORMALER MENSCH DER HELFEN WILL: WAS SIND DAS FÜR JUGENDLICHE? WAS GEHT IN DENEN VOR - MEIN MAGEN SCHMERZT WENN ICH MIR VORSTELLE ES WÄRE MEIN KIND; DAS SO VOLLER WUT UND HASS IST UND JEMANDEN SOLANGE TRITT; BIS ES ZU SPÄT IST: DA HILFT AUCH KEINE VERSCHÄRFUNG DES JUGENDSTRAFRECHTS - ES FEHLT EINFACH VON GRUND AUF:
NINIFEE
am 17. September 2009 um 23:37 Uhr.
Liebe Dori,
was kann uns die Sinne schärfen helfen,
was kann uns mutiger machen?
Was kann den Nachbarsinn stärken,
den Gemeinsinn fördern?
Wäre es hilfreich, Gesprächskreise anzubieten, in denen sachkundige Experten über das Thema Gewalt, Angst, Öffentlichkeit, Zivilcourage referieren und in die Teilnehmer in Rollenspielen und Aussprachen die Überprüfung ihres eigenes Verhaltens vornehmen können.
Man könnte die Motivation, an so einer Veranstaltung teilzunehmen, die sich über mindestens vier Abende in vier Wochen erstrecken sollte, dadurch steigern, dass finanzielle Anreize schafft, etwa eine Z!!!-Card, eine Zivilcourage-Karte, die einem Nachlass beim Besuch von öffentlichen Einrichtungen (Schwimmbäder, Museen, S-Bahnen, was auch immer) gibt, wenn der letzte Besuch einer derartigen Veranstaltung nicht länger als 18 Monate zurückliegt.
Was ich sagen will: Wir müssen “mobil” machen für den Gemeinsinn!
Danke für Deinen sehr persönlichen Beitrag.
Es ist schlimm, wenn man Hilfe braucht und statt dessen Demütigung erhält.
Liebe Grüße,
Ulf
am 18. September 2009 um 8:09 Uhr.
Ein heißes Thema, liebste Freundin, das du da aufgreifst und ich finde es toll! Haben wir doch alle diese schrecklichen Nachrichten miterlebt, fühlen uns schockiert, hilflos und berührt. Dies in unserer zivilisierten Welt… mittlerweile an der Tagesordnung!
Deine Geschichte,die dir widerfahren ist… vor Weihnachten… und das Verhalten der Leute paßt wie Faust auf’s Auge dazu. Das Fest der LIEBE naht und wenn’s darauf ankommt, diese zu entfalten im Sinne der Menschlichkeit, fühlt sich (fast) keiner angesprochen.
Da fehlen einem fast die Worte vor so viel Mißachtung und Feigheit… und ich kann kein Verständnis für mangelnde Zivilcourage aufbringen. Traurig, daß dies so verbreitet ist! Man kann immer nur für sich sprechen, aber eins weiß ich ganz genau: SO würde und werde ich mich NIE verhalten… denn ich könnte “danach” nie wieder in den Spiegel blicken vor lauter Scham.
Herzliche Sonnengrüße, Gabriele
am 18. September 2009 um 8:47 Uhr.
Liebste Dori, da fehlen mir die Worte…und die Gefühle wühlen in mir. Was für eine schreckliche Situation für Dich, Du hast zum Glück eine mutige, tatkräftige Helferin gefunden in dieser Frau, dieser Mann wollte auch “nur” helfen… einfach schrecklich, wozu Menschen fähig sind und das besonders in diesen jungen Jahren…woher kommt diese Aggressivität und woher dieses “Weggucken” der anderen, was mag in diesen Menschen jetzt vorgehen: “Ich hatte ja recht, nicht einzugreifen, sonst wäre mir vielleicht dasgleiche passiert” oder schämen sie sich vielleicht, dass sie nicht zu Mehreren eingegriffen sind… Sehr betroffene Grüsse Andrea
am 18. September 2009 um 12:53 Uhr.
Hallo Dori,
es gibt für keine der Situationen eine Beschönigung. Deshalb auch keine weitere Aufmerksamkeit und damit Energie in die einzelnen Themen.
Doch wenn ich eine solche Situation wahrnehme, mein Empfinden dabei kontrolliere, dann finde ich selbst den entsprechenden Abdruck in mir.
Also fängt das Ganze wieder bei mir an.
An was in mir erinnert mich diese Situation?
Wann habe ich jemanden links liegen gelassen?
Wann habe ich Hilfe verweigert, wo sie angebracht war?
Wenn jeder ehrlich bei sich seber sucht, wird er schnell fündig.
Jede Tat und jede Handlung “IST”!
Unser Verstand (Erfahrungen, Überzeugungen Glaubensmuster) bewertet.
Solange Krieg, Gewalt und Terror in uns herrscht, finden wir ihn auch im Außen!
Ich wünsche daher allen ein gute gelingen im Innen:-)
Gruß
Norbert
am 19. September 2009 um 0:58 Uhr.
Eine leider allzu vertraute Situation. Jemand liegt auf der Straße und Leute gehen vorbei. Man staunt, aber es lässt sich nicht ändern. Fernsehgewohnt und in der Rolle des Zuschauers trainiert, bemerkt der einzelne seinen Tiefschlaf kaum, wohl aber den wohligen Schauer des Gruselns, “so was” mal live gesehen zu haben.
Ich habe auch mal etwas ähnliches erlebt: Ein Mann lag in einer Straßenrinne vor einer Baustelle und hunderte von Leuten gingen vorbei. Ich sah den Mann im Vorbeifahren, suchte einen Parkplatz und ging zu ihm hin. Er war nicht ansprechbar, also rief ich einen Krankenwagen und blieb bei ihm, bis die Sanitäter da waren. Denen war dieser Mann bestens bekannt - sie treffen ihn einmal die Woche, weil er als Medikamentenabhängiger gerne mal übertreibt …
Es lohnt den Ärger nicht, über die Gesellschaft oder die Menschen nachzudenken, die andere achtlos liegen lassen - man bietet eben selbst die Hilfe an und lässt den Rest los …
LG, Raimund
am 20. September 2009 um 8:21 Uhr.
Hallo Dori,
es gäbe so viel zu sagen, zu diesem Thema und doch würde es im nachhinein nichts mehr ändern.
Es bleibt bei uns selber, anders zu handeln und sich nicht entmutigen zu lassen, unsere Hilfe anzubieten.
Liebe Grüsse
Anka