Begegnungen: Lebe ich, um zu arbeiten?
Heute Mittag in der Piazza. In anderen Firmen würde dies Kantine heißen, aber hier ist es wirklich eine Piazza, hell und freundlich, mit sehr viel Bambus und in schönen Terracotta-Farben eingerichtet und dekoriert.
Jeden Mittag zwischen 12 und 14 Uhr treffen sich hier die Menschen aus den verschiedenen Abteilungen und aus den umliegenden Firmen zum Mittagessen.
Jeden Mittag bin ich aufs Neue fasziniert von den Gesprächen am Tisch und an den Nachbartischen. Es spricht jeder nur über die Arbeit. Ein besonderes Plus scheint zu sein, dass man sehr viel zu tun hat und dass man sehr lange in der Firma bleiben muss. Wenn es sein muss, auch schon mal bis 23 Uhr.
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Niemand redet über sich, oder über die Dinge, die er in der Freizeit tut, über seine Interessen, seine Familie oder Freunde. Sicherlich müssen meine Kollegen nichts wirklich Privates über mich wissen, aber wenn ich doch den ganzen Tag mit diesen Menschen in einem Team arbeite, dann kann ich doch in der Pause mal über etwas Anderes sprechen, oder? Dafür heisst es doch PAUSE!!!! Um einmal inne zu halten, zu verschnaufen, neue Kraft zu tanken.
Bei den weiblichen Kollegen kann man durch gezielte Fragestellung das Gespräch schon mal in eine andere Richtung lenken, aber bei den männlichen Kollegen ist das völlig aussichtslos. Ich bin nun seit so vielen Jahren in den unterschiedlichsten Branchen berufstätig, aber dieses “Phänomen” konnte ich bisher in jeder Firma beobachten.
Selbst bei Aktivitäten nach Feierabend – an denen ich schon lange nicht mehr teilnehme – geht es nur um eins: um die Arbeit. Heute wird mein Chef in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Da ich mit 100 %iger Sicherheit genau weiß, welche Gesprächsthemen aufkommen, werde ich mich nach einer halben Stunde und einem Glas Sekt höflich verabschieden.
Denn ich habe noch etwas sehr Wichtiges außer meiner Arbeit zu tun: LEBEN.

am 30. September 2008 um 15:13 Uhr.
Wow Dori - toller Beitrag.
Ich habe nie in einer großen Firma gearbeitet, daher kenne ich das, was du beschreibst, nicht in dieser Form. In kleineren Betrieben wird schon eher mal über privates gesprochen, das habe ich eigentlich immer genossen.
Noch mehr genieße ich jetzt jedoch meine Freiberuflichkeit. Es gab Zeiten, da hatte ich mir eine feste Anstellung gewünscht, mit Urlaub, Sicherheit und allem drum und dran. Jetzt brauche ich das nicht mehr - ich genieße es, meinen Tag frei einteilen zu können - für mich zu arbeiten und mein Leben zu leben. Der Preis ist, dass ich kein geregeltes Einkommen habe, dass ich nie weiß, ob es immer gut läuft und dass ich, wenn ich krank bin, eben auch kein Einkommen habe.
Das hat mir früher Angst gemacht - jetzt jedoch zahle ich diesen Preis gerne, denn der Gegenwert ist es wert.
Das heißt nicht, dass ich nicht teamfähig bin oder nicht gerne mit jemandem zusammenarbeiten würde - aber eben nicht mehr FÜR jemanden - sondern MIT jemandem.
alles liebe für dich und dein LEBEN - genieße es.
Irene
am 30. September 2008 um 16:54 Uhr.
Liebste Dori,
Ich habe gute Erfolge verbuchen können, wenn ich mit männlichen Kollegen etwa über Sport geplaudert habe. Da sind so manche sehr verschlossene Typen geradezu aufgeblüht
Aber auch ich beherrsche nicht alle Sportarten - so kann ich etwa beim Golfen nicht mitreden… *kicher* Aber ich kann auch so tun, als ob - die Kunst des Smalltalks
Ist auch nicht wirklich meins, ich gebs zu - da geh ich lieber in meine kleine, bunte Welt
Auch wenn ich Tag für Tag sehr viel arbeite - LEBEN tu ich immer noch zu Hause
wahre Worte
Liebste Lächelgrüße an dich, du wertvoller Sonnenschein, du!!!
Herz-lichst Elisabeth
am 30. September 2008 um 16:59 Uhr.
Liebste Irene,
das können viele Menschen nicht nachvollziehen, was in großen Unternehmen so alles an der Tagesordnung ist. Das ist auch gut so. Einem kreativen Menschen wie mir fällt das auch mitunter sehr schwer. Jedoch ist die augenblickliche Situation die, dass ich mein Geld so verdiene, bis sich etwas Besseres auftut.
Jetzt freue ich mich darauf, gleich in mein schönes Leben eintauchen zu können.
Allerliebste Grüße für Dich,
Dori
am 30. September 2008 um 17:02 Uhr.
Herzallerliebste Elisabeth,
es war sooooooooo schön, am Telefon Deine Stimme zu hören
Smalltalk liegt mir nicht. Ich bin in dieser Hinsicht wirklich ein sehr “schwieriger” Mensch. Ich stehe dann da (Hufescharrend=Steinbock) und denke, was ich in dieser Zeit alles machen könnte, was mir mehr Spass macht und mir mehr bringt. Und zugegebenermassen, je älter ich werde, desto weniger Smalltalk findet statt. Entweder Sekt oder Selters *lach* .
In meinem privaten Umfeld umgebe ich mich nur (noch) mit Menschen, die (mir) etwas zu sagen haben.
Herzlichste Sonnengrüße, Du Liebe,
Dori
am 30. September 2008 um 18:20 Uhr.
Hallo Dori,
ich war auch 33 Jahre in einem sehr großen Unternehmen. Über Arbeit haben wir kaum gesprochen. Jedes andere Thema war wichtiger.
Aber vielleicht hat sich einiges in den letzten 10 Jahre geändert.
Ist das etwa Angst, die sich da breit macht??
Oder haben die Menschen kein Privatleben mehr?
Oder kann man so sich selbst wichtig tun??
Oder nur keine Schwäche preisgeben??
So kann man (frau) den Stresspegel hochhalten. Das ist auch regelmäßig gelebt.
Grüssle
Norbert :-0
am 30. September 2008 um 18:27 Uhr.
Liebe Dori,
ich kenne es Gott sei Dank auch anders, obwohl ich bei einer großen Firma gearbeitet habe. Ist aber schon ein wenig her.
Doch bei meinem Schatz bekomme ich das mit, dass selten über Privates gesprochen wird. Ich glaube, es liegt auch daran, dass man Kollegen nicht in sein Privatleben gucken lassen möchte. Pause ist zwar Pause, aber eben doch nicht so ganz, weil die Menschen mit denen man die Pause verbringt eben die Kollegen sind und nicht unbedingt Freunde.
Und je nach Branche ist wohl der Informations-Austausch über die Arbeit auch ein wichtiger Teil.
Ich mags auch lieber etwas persönlicher.
Liebe Grüße,
Martina
am 30. September 2008 um 19:35 Uhr.
Hallo Dori!
Sind die Leute heutzutage nicht so, dass sie am liebsten nicht angesprochen werde? Ein schneller, oberflächlicher Satz kommt da nur noch rüber,….das Wetter wird viel zitiert…..,aber in die Tiefe, da nimmt sich auch keiner mehr die Zeit,….”was geht mich der an,oder erst seine Probleme”,…..und oft nimmt man sich selber auch nicht die Zeit und Ruhe für ein Gespräch, wenn einem die Thematik nicht zusagt.
Grundlegend habe ich mir auch angewöhnt auf Smaltalk zu verzichten, langweilig, Zeitverschwendung,…denk´ich da immer. Deshalb habe ich wohl hier auch so wenig Bekannte…..und,…ich habe schon immer gearbeitet um zu leben!
Liebe Grüße
Grye Owl
am 30. September 2008 um 21:51 Uhr.
Lieber Norbert,
ich bin DORT die Älteste an Jahren. Mein Chef ist 40, seine Frau 38, sie haben einen 4-jährigen Sohn, und arbeiten bis 10 Uhr nachts. Frage: wozu “schaffen” sich solche Menschen Kinder an? Und das ist kein Einzelfall, das ist an der Tagesordnung. Wenn ich dann die Abrechnungen für ihn mache: 23:15 Uhr Sushi-Taxi, dazu fällt mir dann nichts mehr ein.
Aber: Jeder gestaltet sein Leben ja selbst.
Sonnigste Grüße
Dori
am 30. September 2008 um 21:57 Uhr.
Liebe Grye Owl,
habe soeben die Verabschiedung des Geschäftsührers hinter mir. 1 Stunde! Mehr nicht. Das wissen die Kollegen inzwischen, und akzeptieren das.
Jetzt kommt aber eine schöne Geschichte: Er hat die Firma aufgebaut. Hat viele Stunden gearbeitet, bis spät in die Nacht. Darüber ging seine Ehe in die Brüche. Daraufhin lernte er eine junge Studentin in der Firma kennen, verliebte sich, heiratete sie, sie bekamen vor 5 Jahren einen Sohn. Nun ist seine Frau (35) mit dem zweiten Kind schwanger, und er hört auf im Alter von 58 Jahren: damit er sich seiner Familie widmen kann, damit seine Frau in Ruhe ihr Baby bekommen kann, und damit seine Frau nach der Elternzeit wieder arbeiten kann, während er Zuhause ist. Ist das nicht eine schöne Geschichte? Sie ist wahr.
Fazit: Er hat aus seinen Fehlern gelernt.
Sonnige Grüße
Dori
am 30. September 2008 um 22:01 Uhr.
Liebe Martina,
ich habe immer in großen Firmen gearbeitet, und ich kann sagen: früher war das anders. Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig merkwürdig an.
Aber: meine Kinder sind 30 und 27, arbeiten ebenfalls in großen Konzernen, und da ist es genau so.
Man kann sich nur abgrenzen, sein “Ding” so gut machen wie möglich, und dann ab ins LEBEN!
Sonnige Grüße
Dori
am 2. Oktober 2008 um 13:59 Uhr.
Hallo Dori,
da hatte ich wohl noch Glück, dass ich zwar in einem großen Unternehmen arbeitete, aber meine Abteilung eine Zweigstelle fernab der Zentrale war und mit ca. 15 Personen überschaubar. Es waren junge Leute und wir hatten ein gutes Verhältnis, wo jeder mal mit der Tasse Kaffee bei mir - Teamassistentin - gesessen hat, um über dies und das zu sprechen, die neuesten Fotos zu zeigen etc. Dafür musste ich aber schon einiges vorab investieren. Am Ende wurden aber auch die Ansprüche höher, dass ich mit ihnen dies und das machen sollte usw. Und das wurde mir dann zu viel. Da fehlten dann doch die gemeinsamen Interessen. Am Ende riefen sie mich wegen Firmensachen auch am Wochenende und Abends an. Das war mir dann nicht mehr egal. Und machte mir klar, dass für viele Menschen der Job in der Tat oberste Priorität hat, insbesondere bei Menschen in meinem Alter, die sich noch was beweisen wollen und glauben, Karriere sei ein Muss. Mein Weggang war eine regelrechte Erlösung.
Es war eine gute Erfahrung, aber nunmehr ist mir Abgrenzung und rar machen lieber.
Liebe Grüße
Josephine
am 2. Oktober 2008 um 15:08 Uhr.
Liebe Josephine,
dann weißt Du ja, wovon ich rede.
Ich grenze mich hier total ab. Ich will weder Karriere machen noch an sämtlichen Freizeitaktivitäten teilnehmen. Was mich nur erstaunt, wieviele es von diesen Menschen gibt.
Liebe Grüße
Dori