Lebe ich oder werde ich gelebt?
“Das Leben beginnt heute”
Ist es wirklich so, dass das Leben jeden Tag neu beginnt? Wie sieht das denn konkret aus?
Heute: der Wecker klingelt, ich bedanke mich beim Universum für den guten Schlaf, die schönen Träume, und für den kommenden Tag, der vor mir liegt. Dann stehe ich auf, mache die Espresso-Maschine an, dann kommen die 5 Tibeter, und anschließend die Dusche.
Die Zeit ist knapp, ich habe schon um 8 Uhr einen Arzttermin. Ich verlasse das Haus und sehe, dass es über Nacht gefroren hat. Also muss ich zuerst mein Auto frei kratzen. 5 Minuten, die mir fehlen, um meinen Termin pünktlich wahrnehmen zu können. Dann steige ich ins Auto und fahre los. Unterwegs nur rote Ampeln, die Leute fahren ganz langsam wegen der Glättegefahr. Nach dem Arzttermin fahre ich zur Arbeit. Ich habe nämlich eine. Aber wievielen Menschen in unserem Lande geht es nicht so gut, dass sie arbeiten können und dürfen? Weil sie arbeitslos sind. Oder weil sie krank sind. Bei diesen Menschen fängt der Tag natürlich anders an als bei mir.
Ich komme also zur Arbeit und schaue auf meinen Terminkalender. Da sehe ich, was ich heute alles erledigen muss. Nach der Arbeit fahre ich einkaufen, abends kommen nette Menschen zum Essen zu mir, ich muss mich sputen, damit ich pünktlich bin und alles gut klappt. Für viele Menschen sieht jeder Tag gleich aus, ein Tag gleicht dem anderen. Viele, die ich kenne, fragen sich in ihren schlaflosen Nächten, ob das wirklich alles gewesen ist. Das soll mein Leben gewesen sein, fragen sie sich? Lebe ich eigentlich oder werde ich gelebt?
Natürlich stellt uns das Leben vor Notwendigkeiten und schwierige Situationen, manchmal auch vor wirkliche Krisen. Aber die Frage: Lebe ich oder werde ich gelebt? stellt sich immer wieder neu. Oft löst sie auch ein Gefühl von Frust und Unzufriedenheit aus. Wichtig ist jedoch: Wie erkenne ich, dass es an der Zeit ist für Veränderungen? Und wenn ich es dann merke, wie erkenne ich die Ursachen für meine permanente Unzufriedenheit und meinen Frust oder für die schleichende Leere in meiner Seele?
Handele ich oder werde ich behandelt? Agiere ich oder reagiere ich? Halte ich das Ruder auch dann noch in festen Händen, wenn die Probleme über mir hereinbrechen oder ich in eine Krise schlittere?
Ich glaube fest daran, dass man nicht einen einzigen Tag seines Lebens ungenützt verstreichen lassen sollte. Dies ist meine ureigenste Antwort auf die obigen Fragen. Aber jeder muss natürlich seine eigene Antwort finden.
Das Leben beginnt (für mich) tatsächlich immer wieder heute, im Grunde genommen liegt das Geheimnis darin, jeden Tag - so wie Kinder es tun - als Abenteuer zu sehen und anzunehmen. Das kann man erlernen, indem man es sich immer wieder “bewusst” macht, dass jeder Tag ein kostbares Geschenk ist. Das ist nicht leicht, zumindest ist es mir nicht leichtgefallen und ich habe viele viele Jahre dafür gebraucht.
Aber wenn man das erlernt hat, dann beherrscht man eine Kunst: die Lebenskunst. Und aus der Lebenskunst erwächst die Lebenskraft.
am 25. Januar 2008 um 13:41 Uhr.
Wow!! Das hätte ich kaum besser ausdrücken können, Hut ab, liebe Dori!
Und ich habe den Verdacht, dass es zu diesem Thema von mir bald ein umfangreiches eBook geben wird, denn momentan liegt “Täglich leben” noch leicht vor “Authentisch leben”. Und das gehört ja auch irgendwie zusammen, denn wie ich meinen Tag gestalte, das sagt viel darüber aus, wer ich bin - oder zumindest sein möchte. Sicher kann ich mich verstellen, viele Stunden am Tag, wenn es sein muss. Aber 24 Stunden? Dann müsste sich meine Seele ja komplett verabschiedet haben - ich glaube aber nicht an seelenlose Menschen.
Ich bin gespannt, ob sich das Ergebnis bis zum 9. Februar noch wesentlich verändert.
Carpe diem!
Jürgen
PS: Noch besser ist “Carpe momentum” - Nutze den Augenblick!
am 25. Januar 2008 um 14:04 Uhr.
Lieber Jürgen,
“Carpe momentum” finde ich richtig klasse. Ich werde jetzt den Tag bzw. den Moment nutzen, den PC runterfahren, in mein Auto steigen und auf dem Weg nach Hause am Rhein halten und mindestens 2 Stunden spazieren gehen. Der Himmel ist strahlendblau, die Sonne scheint, der ganze Tag ist ein wirkliches Geschenk.
Ich nehme es dankbar an.
Liebe Grüße,
Dori
am 25. Januar 2008 um 20:38 Uhr.
Liebe Dori,
Jürgen hat mich auf deinen heutigen Eintrag hingewiesen, der mir mit jedem Wort so sehr aus der Seele spricht, dass ich mich an dieser Stelle bei dir dafür bedanken möchte.
Eines weiß auch ich aus Erfahrung: Guter Wille, Wissen und Bewusstsein sind das eine - geduldige und langwierige Arbeit an sich selbst das andere. Ja, es ist ein langer Weg, aber wenn man ihn einmal beschritten hat, weiß man bereits, dass er sich zu gehen lohnt.
Ich habe das Glück, auf diesem Weg eine liebe- und verständnisvolle Begleitung zu haben, und so habe ich im Lauf der Zeit nicht nur gelernt, dass jeder noch so lange Weg immer mit dem ersten Schritt beginnt, sondern auch, dass das Straucheln, Hinfallen und gelegentliche Verlaufen und Zurückgehen normal und erlaubt sind. Man lernt auf diesem Weg unter anderem, sich selbst anzunehmen - Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute … Das Leben beginnt in jeder Sekunde neu!
Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende für dich - Judith
am 26. Januar 2008 um 9:32 Uhr.
Liebe Judith,
herzlichen Dank für Deinen schönen Kommentar. Eins weiß ich mit Sicherheit: ich gehöre zu den Menschen in diesem Leben, die immer und immer wieder an sich arbeiten müssen, und die sich auch öfter mal verlaufen, straucheln und hinfallen.
Eine liebe Freundin hat einmal zu mir gesagt: “Hinfallen ist nicht schlimm, aber liegenbleiben, das ist wirklich schlimm”.
Inzwischen habe ich gelernt, das Leben als Abenteuer für mich zu sehen. Es kommen immer wieder neue Herausforderungen auf uns zu. Die Kunst liegt im Umgang mit diesen Dingen. So lange ich in meiner Mitte bleibe, entwickelt sich alles zum Guten.
Ich wünsche Dir ein strahlendschönes Wochenende,
Dori